Kostspieliger Spiegel und ein Hauch Paris

1720/22 erhielt das Zunfthaus zu Kaufleuten seine heutige Form und auch die neue Nussbaumvertäfelung. Fein ausgestattet wurde die Zunftstube aber erst 1774. Peter Honegger blickt auf die beiden Funk-Kommoden – und sagt Überraschendes: «Eigentlich waren diese Prunkstücke zur damaligen Zeit bereits etwas veraltet.» Der Louis-XVI-Stil mit seinen strengeren Linien habe sich da bereits durchgesetzt, die Kommoden des Kunstschreiners Matthäus Funk seien aber noch in den geschwungenen Formen des Louis-XV-Stils gehalten. Die Steinplatten sind aus Oberhasli-Marmor, die vergoldeten Beschläge stammen aus Paris.

Dass sich die Zunftverantwortlichen bei der Stubenmöblierung 1774 dem aufkommenden Louis-XVI-Stil aber keineswegs verschlossen, belegen die beiden Spiegel über den Kommoden. «Sie haben ein gerade Form», hält Peter Honegger fest. Das Stilgemisch zwischen Louis-XV-Kommoden und Louis-XVI-Spiegeln habe anscheinend niemanden gestört. Von der Bedeutung her seien die Spiegel hoch einzustufen: «Es war für die damalige Zeit neu, dass man zwei Meter grosse, nicht unterteilte Spiegelgläser anfertigen konnte.» Entsprechend kostspielig seien die Spiegel gewesen, konkret 278 Kronen und 12 Batzen. Zum Vergleich: Die Funk-Kommoden kosteten 76 Kronen und 20 Batzen. 

Bei den nächsten 25 «Stubenperlen» ist unschwer zu merken, welch grosse Begeisterung sie bei Peter Honegger auslösen: 12 Stühle, 12 Fauteuils und ein Präsidenten-Fauteuil im Louis-XV-Stil. «Man findet heutzutage nur noch wenige so schöne Louis-XV-Fauteuils und -Stühle», sagt der Kunsthistoriker und weist auf die Krone und das Gesellschaftswappen am Obmannsthron hin, alles aus Kirschbaumholz. Auch der Kachelofen wurde neu gebaut. Der Berner Ofenmaler Peter Gnehm bemalte die Kacheln in Blau auf weissem Grund, mehrere Kacheln hat er signiert und datiert. Und schliesslich die prachtvolle Wanduhr. «Das Gehäuse wurde vom Architekten Carl Ahasver von Sinner 1786 entworfen, dem Erbauer des Landsitzes Lohn bei Kehrsatz», erklärt Peter Honegger. Er atmet durch, schaut sich um. «Und dann war der Saal fertig.» Dass sich die damalige Möblierung bis heute erhalten habe, sei keine Selbstverständlichkeit. «Viele schöne Säle wurden im Laufe der Zeit geräumt, dieser hier nicht. Die Verantwortlichen haben grosse Sorge getragen.»

Peter Honegger

Peter Honegger ist das geschichtliche Gewissen der Gesellschaft zu Kaufleuten. Der studierte Kunsthistoriker trifft sich regelmässig zum Gespräch mit Christoph Bussard und erzählt im «Chrämers Bote» die Geschichte unserer Gesellschaft

 

Autor: Christoph Bussard

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